{"id":16962,"date":"2024-01-10T15:50:37","date_gmt":"2024-01-10T14:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/?p=16962"},"modified":"2024-01-26T11:17:35","modified_gmt":"2024-01-26T10:17:35","slug":"schuelerinnen-schreiben-menschsein-und-trauer-ein-essay-ueber-menschenwuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/?p=16962","title":{"rendered":"Sch\u00fcler:innen schreiben: Menschsein und Trauer \u2013 ein Essay \u00fcber Menschenw\u00fcrde"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16961 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"488\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-1151x1536.jpg 1151w, https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-1535x2048.jpg 1535w, https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285-870x1161.jpg 870w, https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285.jpg 1599w\" sizes=\"auto, (max-width: 488px) 100vw, 488px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Joana Kern (Q1) besch\u00e4ftigt sich in einem philosophischen Essay mit dem Zusammenhang von Trauern und Menschenw\u00fcrde:<\/em><\/p>\n<p>Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das bedeutet nicht nur, dass wir uns Freundschaft und Verst\u00e4ndnis suchen und uns von unserer Familie geliebt f\u00fchlen wollen, sondern dass wir Zuwendung zum \u00dcberleben brauchen.<\/p>\n<p>Als Friedrich II. Von Hohenstaufen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> versuchte, die Ursprache des Menschen zu ermitteln, probierte man, Neugeborene isoliert aufzuziehen. Die Pflegem\u00fctter durften sie nur f\u00fcttern; sprechen oder sonstige F\u00fcrsorglichkeit zeigen durften sie nicht. Anstatt jedoch zu beginnen, sich auf Hebr\u00e4isch oder Latein zu unterhalten, starben die Kinder \u2013 obwohl doch alle lebensnotwendigen Bedingungen erf\u00fcllt schienen.<\/p>\n<p><!--more-->Menschliches Leben <u>braucht<\/u> F\u00fcrsorge und Liebe. Diese zeigen wir durch k\u00f6rperliche sowie emotionale N\u00e4he. Geteilte Freuden, Spannungen und \u00c4ngste machen derartige Beziehungen aus. Mit Hilfe von Mitleid und Trost erkennen wir unsere gegenseitigen Bed\u00fcrfnisse als Menschen an, und wir erleben Trauer als Konsequenz zuvor empfundener Anerkennung und Zuneigung. Jule Govrin beschreibt diesen Aspekt von Judith Butlers Ethik der Verwundbarkeit so: \u201eTrauer [macht] die soziale Verfasstheit des Selbst erfahrbar. Allerdings werden nicht alle Leben gleicherma\u00dfen betrauert, wodurch man denen, deren Leben nicht als betrauernswert gilt, das Menschsein aberkennt.\u201c<\/p>\n<p>Schwer verst\u00e4ndlich und f\u00fcr den Fortlauf des Essays essentiell ist hier zun\u00e4chst die Frage, wie ein Mensch dem anderen das Menschsein aberkennen kann; denn kaum ein methodischer Zweifler w\u00fcrde wohl argw\u00f6hnen, ob der andere ein Mensch sei. Oder w\u00fcrden Sie den Kindern in Hohenstaufens Experiment das Menschsein aberkennen?<\/p>\n<p>Auch auf Mensch<u>lichkeit<\/u> als gemeinhin anerkannte moralische Gesinnung scheint das Zitat sich nicht zu beziehen.<\/p>\n<p>Ist hier also vom Menschen als soziales Konstrukt die Rede, dessen Bedingung die Anerkennung durch die Umwelt ist? Sind wir alle die Kreationen unseres eigenen Frankensteins, deren Nachbarn entscheiden, ob wir Mensch sind oder Monster? Denn auch, wenn einem Menschen keine F\u00fcrsorge zukommt, bleibt er doch per definitionem ein Mensch.<\/p>\n<p>Nicht das Menschsein im w\u00f6rtlichen Sinne, nein, die Menschen<u>w\u00fcrde<\/u> wird dem Menschen laut Butler aberkannt, wenn er nicht betrauernswert ist; Zuneigung zu Lebzeiten also scheinbar nicht gebraucht oder verdient hat, da Trauer schlie\u00dflich Konsequenz dieser Emotionen ist.<\/p>\n<p>Der Begriff der Menschenw\u00fcrde<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, wenn auch schwierig zu definieren, ist eine B\u00fcndelung der Grundrechte und -bed\u00fcrfnisse des Menschen und sch\u00fctzt den Anspruch, in allen menschlichen Eigenschaften geh\u00f6rt und geachtet zu werden. Er umfasst das Recht auf k\u00f6rperliche und geistige Unversehrtheit, respektvolle Behandlung, Autonomie, Integrit\u00e4t. Er begr\u00fcndet unser Recht auf Schutz und Leben und alles, was wir zum \u00dcberleben brauchen \u2013 auch Bedingungen f\u00fcr ein lebenswertes Dasein allein wie Respekt und Freiheit sind bereits Teil der Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Erfahrung von Zuneigung und N\u00e4he ist ein Grundbed\u00fcrfnis des Menschen, ohne welches wir erwiesenerma\u00dfen zumindest als Kinder nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen, das unabh\u00e4ngig davon aber auch ein wichtiger Teil unserer Existenz ist. Demnach sollte es zum Begriff der Menschenw\u00fcrde geh\u00f6ren und die Aberkennung dieses gleichzusetzen sein mit der Aberkennung der Menschenw\u00fcrde; oder eben des Menschseins.<\/p>\n<p>Butlers These lautet also, dass Trauer als Konsequenz zuvor empfundener Zuneigung ein Mittel ist, unsere gegenseitigen Bed\u00fcrfnisse als Menschen anzuerkennen, wodurch die Aberkennung von Betrauernswertheit der Aberkennung der Menschenw\u00fcrde gleichkommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erfahren wird die Trauer in erster Instanz durch die Umwelt, ist also in erster Linie f\u00fcr diese von Bedeutung. Der Trauernde erf\u00e4hrt neben dem Schmerz des Verlustes auch, wie sein Umfeld auf diesen Schmerz reagiert. Der Mensch braucht den Spiegel des Gegen\u00fcbers um sein Selbst, seinen Wert, seine Menschlichkeit zu erfahren. Zugleich reflektiert sein soziales Umfeld auch, welcher Wert dem Verstorbenen zugesprochen wird \u2013 als wie betrauernswert er gilt.<\/p>\n<p>Aber woran erkennt man denn die Gr\u00f6\u00dfe der Trauer? Wer entscheidet, ob ein Menschenleben betrauernswert ist?<\/p>\n<p>Wie so h\u00e4ufig ist es auch hier am einfachsten, diese Macht der Mehrheit zuzusprechen. Ist aber das Opfer eines Terroranschlages, das von Millionen Menschen betrauert wird, mehr wert als ein alter Mensch ohne Kinder, der nur seinen Partner zur\u00fcckl\u00e4sst, oder die namenlose Nachbarin, die eines Tages nicht mehr aus dem Bett aufsteht?<\/p>\n<p>Zugunsten dieser These k\u00f6nnte man davon ausgehen, dass derjenige, der den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf seine Umwelt hat, am betrauernswertesten ist \u2013 ein unschuldiges, beweintes Opfer als Symbol f\u00fcr das Grauen des Terrors und f\u00fcr viele Menschen Aufruf zum Protest; ein ber\u00fchmter Musiker, der unz\u00e4hlige Menschen zusammengebracht hat.<\/p>\n<p>Wenige Abs\u00e4tze zuvor haben wir allerdings festgestellt, dass die Trauer Anerkennung der Menschenw\u00fcrde ist. Nicht nur wird allerdings ein Symbol nicht seiner W\u00fcrde, sondern seines Nutzens wegen betrauert; auch ist die W\u00fcrde eines jeden Menschen unanfechtbar gleich und dementsprechend nicht dadurch definiert, wie viele Menschen sie anerkennen.<\/p>\n<p>Hieraus muss man den R\u00fcckschluss ziehen k\u00f6nnen, dass die Trauer des Einzelnen genau so viel wert ist wie die Trauer vieler, wenn sie ungef\u00e4hr gleich aufrichtig und tiefgehend ist (ein Wert, der sich nat\u00fcrlich nicht messen l\u00e4sst).<\/p>\n<p>Intuitiv klingt dies richtig. Selbstverst\u00e4ndlich ist die Trauer eines Kindes um ein Elternteil nicht weniger oder mehr wert als die Trauer einer ganzen Familie um ein verstorbenes Kind.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Frage: Was ist mit Menschen, die in Einsamkeit sterben? Wenn niemand um mich trauert, wird mir dann meine W\u00fcrde aberkannt? Es ist aber doch unm\u00f6glich, dass jeder um jeden trauert! Wenn niemand mich kennt, dann ist es dementsprechend niemandes Verantwortung, um mich zu trauern. Dies bedeutet indes nicht, dass man mir mein Menschsein aberkennen will.<\/p>\n<p>Bei solchen F\u00e4llen gibt es ferner immer noch Menschen, die einer Beerdigung beiwohnen. Der SWR berichtete am 5.12.2022 unter dem Titel \u201eEinsam im Tod \u2013 Wenn Menschen ohne Angeh\u00f6rige sterben\u201c, dass es immer Trauerredner gibt, die dem Toten Respekt erweisen sollen. Die Menschenw\u00fcrde muss aktiv anerkannt werden, um zu umgehen, dass sie passiv aberkannt wird. Dennoch: Reicht die Zuwendung einer fremden Person? Die Trauer des Unbekannten mag niemals so aufrichtig sein wie der Schmerz eines Familienmitglieds oder Freundes. Wom\u00f6glich ist also nicht einmal das notwendig \u2013 Gen\u00fcgt als Anerkennung des Menschseins ein schlichtes Bedauern, das Da-Sein von irgendjemandem, der wei\u00df: Du bist ein Mensch, du hast eine W\u00fcrde; und auch wenn ich nicht dazu in der Lage bin, dich auf pers\u00f6nlicher Ebene zu betrauern, so kann ich doch um ein Menschenleben trauern \u2013 um ein Potential vielleicht nur?<\/p>\n<p>Dieser Fall ist schwierig zu erfassen und kaum eindeutig zu beantworten, und er widerspricht der Anfangsthese auf interessante Weise: Selbst wenn wir entscheiden, dass eine solche Respekterweisung nicht als gleichwertig mit wahrer Trauer zu betrachten ist, erkennt doch niemand dem Verstorbenen das Menschsein ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lassen wir vor\u00fcbergehend von diesem Problem ab \u2013 Um die Idee besser zu erfassen, versuche ich diesmal nicht zu erfragen \u201eWer trauert?\u201c, sondern vielmehr: \u201eWer trauert nicht?\u201c<\/p>\n<p>Wenn ein Jude im Nazi-Regime stirbt, wer trauert nicht? \u2013 Nat\u00fcrlich; jene, die sich \u00fcber ihm stehend w\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Wenn eine Person mit einer Behinderung suizidal wird, wen nimmt das nicht mit? \u2013 Wohl diejenigen, die sie als Belastung des Systems, als wertlos sehen.<\/p>\n<p>Wenn ein Fl\u00fcchtlingskind nicht \u00fcberlebt, wer trauert nicht? \u2013 Diejenigen, die seinem Gesuch nach Schutz und Freiheit, nach der Anerkennung seiner Menschenrechte achtlos gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Wenn eine Transperson in einer transphobischen Umgebung stirbt, wer trauert nicht? \u2013 Jene, die ihre Identit\u00e4t, ihr Weltbild, ihre Empfindungen und ihr Bed\u00fcrfnis nach Unterst\u00fctzung nicht anerkennen.<\/p>\n<p>Der offensichtliche Schluss: Diejenigen, die nicht trauern, sind zugleich diejenigen, die dem Betroffenen seine menschlichen Bed\u00fcrfnisse aberkennen. Wer glaubt, dass der andere ein niederer Mensch ist, der andere nur belastet und dem Unterst\u00fctzung, Verst\u00e4ndnis, Schutz und Freiheit nicht zustehen, der empfindet auch keine Trauer um ihn. Hieraus k\u00f6nnte man wohl den Umkehrschluss ziehen, dass ich, indem ich den einen weniger betrauere als den anderen, dem einen sein Menschsein aberkenne.<\/p>\n<p>Wir nat\u00fcrlich, als gute, moralisch handelnde Menschen, erkennen aber offenkundig eines Jeden Menschenw\u00fcrde an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die unangenehme Frage, auf die das hier wohl oder \u00fcbel irgendwann hinausl\u00e4uft \u2013 Wenn ein M\u00f6rder oder Vergewaltiger stirbt, wer ist eher erleichtert?<\/p>\n<p>So einfach es ist zu sagen, dass wir mit unserem heutigen Verst\u00e4ndnis von Moral anerkennen, dass jeder Mensch eine unantastbare W\u00fcrde besitzt, die wir respektieren; so schwierig ist es, um jeden Einzelnen zu trauern \u2013 selbst wenn wir der Einfachheit halber davon ausgehen, dass wir nur die Verantwortung tragen, jene zu betrauern, die wir auch tats\u00e4chlich in irgendeiner Weise gekannt haben.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt uns schwer, um jemanden zu trauern, der seinerseits gegen unsere Vorstellungen von Menschenw\u00fcrde und Moral versto\u00dfen hat. Um einen Menschen wie Hitler zu trauern; das f\u00fchrt zu weit, finden wir. Und das hat wenig mit einer Entscheidung f\u00fcr ein \u201ekleineres \u00dcbel\u201c zu tun, wie man vielleicht meinen k\u00f6nnte: Dass die W\u00fcrde dieses einen, Hitler, eben abgesprochen werden m\u00fcsse, um andere Menschen in ihrer W\u00fcrde und Unversehrtheit zu bewahren.<\/p>\n<p>Auch bei anderen Beispielen ist dies der Fall. Jemanden, der unseren Nachbarn ermordet hat, bedauern wir nicht. \u00dcber den Tod von jemandem, der unseren Freund vergewaltigt hat, sind wir vermutlich erleichtert; vielleicht empfinden wir auch eine grimmige Freude, aber doch ein Gef\u00fchl von Gerechtigkeit. In einer derartigen Situation ist es nicht undenkbar, auf die Frage: \u201eBesitzt dieser Mensch eine W\u00fcrde, ein Recht auf Leben und Sicherheit?\u201c schlichtweg mit Nein zu antworten.<\/p>\n<p>Und dennoch: So wird es nicht jedem ergehen, der \u00fcber die Menschenw\u00fcrde philosophiert. Hitler m\u00f6gen einige noch die W\u00fcrde abzustreiten versuchen, aber den meisten Verbrechern, sogar M\u00f6rdern und Vergewaltigern, w\u00fcrden wohl fast alle eine W\u00fcrde und die Grundrechte zusprechen \u2013 mit einem sicheren emotionalen und physischen Abstand nat\u00fcrlich. Um sie zu trauern jedoch \u2013 das finden wir zu viel verlangt.<\/p>\n<p>Wobei auch hier fraglich ist, ob wir zu dieser Erf\u00fcllung der Grundbed\u00fcrfnisse auch menschliche N\u00e4he z\u00e4hlen, oder ob wir sie in diesem Fall als \u201erangniedriger\u201c unter den Bed\u00fcrfnissen betrachten: Nach drei Tagen ohne Wasser sind wir dem Tod nahe, nach drei Wochen ohne Zuneigung leben wir noch immer. Vielleicht gestehen wir ihnen also schneller Nahrung und Unterkunft, aber keine N\u00e4he zu; sogar wenn wir es allerdings tun: Wir selbst bringen derartige Empfindungen kaum auf.<\/p>\n<p>Und wieder sind wir beim zuvor erw\u00e4hnten einsam Verstorbenen angekommen. Auch dieser hat unserer Erkenntnis nach eine Menschenw\u00fcrde, die ihm nicht aberkannt wird, da ihn schlicht niemand kennt \u2013 und doch trauert niemand um ihn. So untrennbar verbunden, wie das Zitat Trauer und Menschsein erscheinen l\u00e4sst, sind sie also nicht: Trauer ist n\u00e4mlich, wie andere Emotionen, nicht logisch steuerbar. Wir k\u00f6nnen uns nicht \u201eentscheiden\u201c, jemanden zu lieben oder zu verachten. Und auch Trauer als Konsequenz zuvor empfundener Zuneigung; Mitleid aufgrund eines tragischen Schicksals; Reue f\u00fcr alles, das h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, aber nun nicht ist \u2013 dies k\u00f6nnen wir nicht aktiv steuern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kurzerhand unm\u00f6glich, eine absolutistische These wie diese \u00fcberall ohne Fehl anzuwenden. Der Gedanke, dass \u201e[Nicht] alle Leben gleicherma\u00dfen betrauert [werden], wodurch man denen, deren Leben nicht als betrauernswert gilt, das Menschsein aberkennt\u201c, mag im Gro\u00dfen und Ganzen eine Parallele zwischen Trauer und der Anerkennung menschlicher Bed\u00fcrfnisse erkannt haben, doch ist Korrelation nicht gleich Kausalit\u00e4t: T\u00e4tigt jemand aktiv die Aussage, dass ein bestimmtes Leben nicht betrauernswert sei, so erkennt er diesem das Mensch-Sein ab. Doch Derartiges geschieht nur mit \u00e4u\u00dferster Seltenheit. So viele Zugest\u00e4ndnisse man ihr auch macht (das Aus-der-Gleichung-Nehmen jener, die den Verstorbenen nicht kennen; das Negieren von Menge der Trauernden und aufrichtige Intensit\u00e4t der Emotion), diese These ist zu absolutistisch, um zu stimmen. Dennoch ist sie nicht g\u00e4nzlich fruchtlos; schlie\u00dflich weist sie durchaus auf den Umstand hin, dass einigen Leben weniger Zuneigung zuzukommen scheint als anderen, und dass Liebe als Grundbed\u00fcrfnis h\u00e4ufig vergessen oder gar nicht erst als solches betrachtet wird.<\/p>\n<p>Daher bin ich der Meinung, diese These sollte als Ausgangspunkt f\u00fcr die Fragen gew\u00e4hlt werden: Was genau ist denn nun eigentlich Menschenw\u00fcrde?<\/p>\n<p>Ist Zuneigung ein Teil davon?<\/p>\n<p>Oder kommt sie nur einigen Menschen oder nur Kindern zu?<\/p>\n<p>Und wenn sie als Grundbed\u00fcrfnis gelten soll: Ist es m\u00f6glich, dieses zu erf\u00fcllen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Spektrum der Wissenschaft<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>Ethik-Lexikon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.anne-frank-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/tingey-injury-law-firm-LJhXYHxPfEY-unsplash-scaled-e1704988225285.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>Joana Kern (Q1) besch\u00e4ftigt sich in einem philosophischen Essay mit dem Zusammenhang von Trauern und Menschenw\u00fcrde:<\/p>\n<p>Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das bedeutet nicht nur, dass wir uns Freundschaft und Verst\u00e4ndnis suchen und uns von unserer Familie geliebt f\u00fchlen wollen, sondern dass wir Zuwendung zum \u00dcberleben brauchen.<\/p>\n<p>Als Friedrich II. 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