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Konzept

Inklusion am Anne-Frank-Gymnasium – Aachen

Konzept

Seit Beginn des Schuljahres 2014/15 hat das AFG eine Schulklasse eingerichtet, in die auch vier Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen aufgenommen worden sind. Neu dabei ist, dass hier Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher Zielsetzung, also zieldifferent, unterrichtet werden. Dabei sind die Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt ist, gleichberechtigte Schülerinnen und Schülern unserer Schule. Gymnasiasten und Förderschüler profitieren langfristig wechselseitig vom gemeinsamen Unterricht, sowohl was den Bereich des schulischen Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung betrifft als auch die gesellschaftlich geforderten Schlüsselqualifikationen im Bereich des sozialen Lernens.

Unterrichtet wird die Klasse von einem Lehrerteam, das sich dieser neuen Aufgabe stellt und Inklusion nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance sieht, Unterricht am Gymnasium für alle Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Unterrichtsentwicklung und individuelle Förderung werden zu zentralen Themen der Schulentwicklungsarbeit, die professionell vom Bildungsbüro der Stadt Aachen begleitet wird. Mit Beginn des Schuljahres 2014/2015 ist eine Sonderpädagogin mit voller Stelle schwerpunktmäßig in der Inklusionsklasse als Teamerin eingesetzt. Erfahrungen an Schulen mit institutionalisierten Teamstrukturen zeigen, dass sich Teamkooperation trotz der notwendigen Zeitinvestition für Absprachen und gemeinsame Planung für alle Beteiligten positiv auswirkt: Lehrerinnen und Lehrer profitieren vom Kompetenztransfer, gewinnen Zeit durch Reduzierung individueller Planungsarbeit, sind in Stunden mit Doppelbesetzung entlastet und gewinnen so an Arbeitszufriedenheit. Für Schülerinnen und Schüler liegen die Chancen von Teamkooperation der Lehrkräfte insbesondere in der Steigerung der Unterrichtsqualität.

Guter Unterricht mit individueller Förderung hat die Potentiale aller Schülerinnen und Schüler im Blick, arbeitet also stärkenorientiert. Inklusiver Unterricht fragt darüber hinaus nach den Barrieren, die ein Kind am Lernerfolg hindern. Dieser systemische Blick erweitert die Perspektive und eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten.

Uns als Schule ist klar, dass die individuelle Förderung einer heterogenen Schülerschaft nur gelingen kann, wenn entsprechende Voraussetzungen gegeben sind. Diese zu schaffen haben wir uns bemüht, seit wir uns entschlossen haben, inklusiv zu unterrichten.

Die Eingangsphase

Für jeden Schüler und jede Schülerin ist der Schulwechsel mit Veränderung und Umstellung verknüpft. Die Ein- und Umgewöhnung in ein neues System und eine neue Klasse, die Gewöhnung an neue Lehrpersonen und einen Unterrichtsbegleiter verbunden mit neuen Arbeitsmethoden macht ein besonders pädagogisch geschicktes und sensibles Vorgehen erforderlich, um allen Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Hierzu gehören diverse Angebote zum Kennenlernen und zum Austausch mit den neuen MitschülerInnen. Neben Kommunikations- und Lernspielen ist dies eine gemeinsame Stufenfahrt, um die Lerngruppe zu stabilisieren und ein gemeinsames Lernen und gleichzeitig den Kontakt zu gleichaltrigen MitschülerInnen der Schule zu ermöglichen. Insbesondere eine Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Herangehensweisen und Arbeitstempi der neuen MitschülerInnen („slow learner“ und „quick learner“) erhöht ein Verständnis für den anderen und dessen Stärken und Schwächen.

Einstieg

Die gemeinsame Planung des Unterrichts von GymnasiallehrerInnen und SonderpädagogInnen ist orientiert an den entsprechenden Richtlinien. Daneben werden die individuellen Förderpläne mit in die Planung einbezogen. Dies setzt eine kontinuierliche Überprüfung der jeweiligen Lern- und Entwicklungsstände voraus, aus der sich der nächste Schritt des gemeinsamen Lernens entwickelt (Prozessdiagnostik). Differenzierung zur Berücksichtigung der Vielfalt und Heterogenität ist Mittelpunkt des inklusiven Konzepts. Zu Beginn wurde die Basis dafür durch Kennenlernen und Üben verschiedener Lern- und Arbeitstechniken und Verständnis für die jeweils fachspezifischen Operatoren geschaffen.

Um möglichst viel gemeinsamen Unterricht zu gewährleisten, setzen wir auf den Aufbau offener und kooperativer Lernformen unter Berücksichtigung des Lernens mit allen Sinnen. Entsprechend gestalten wir die Sitzordnung, in der sich Inklusion widerspiegelt und die es ermöglicht, in wechselnden Zusammensetzungen der Schülergruppen zu arbeiten.

Team-Teaching

Wir Lehrer und Lehrerinnen begreifen uns als Team, das bei bereits praktizierten Differenzierungsmöglichkeiten ansetzt und daraus gemeinsam inklusiven Unterricht entwickelt. RegelschullehrerInnen und Sonderpädagogin sind in jeder Stunde gemeinsam für den Unterricht verantwortlich. Eingebunden ist ein Schulbegleiter, der in besonderer Weise einen der Schüler individuell unterstützt.

In regelmäßigen Teamsitzungen findet ein Austausch über die aktuellen Abläufe, das weitere Vorgehen und mögliche Verbesserungsmöglichkeiten statt. Das schülerzentrierte Team plant insgesamt die positive Verhaltens- und Lernunterstützung.

Daneben gibt es drei Paten der Jahrgangsstufe 10, die die Eingangs-klassen unterstützen und begleiten. Dies betrifft den Kennenlern-nachmittag vor den Sommerferien, den ersten Schultag, die neue Pausensituation und die Fahrt in die Eifel mit gemeinsamen Aktionen in der Waldwerkstatt, einer Rallye und und und.

Differenzierung

Als Schule auf dem Weg zur Inklusion mit zieldifferentem Unterricht werden wir uns auf neue Lern- und Lehrkonzepte einstellen, die im Wesentlichen auf innerer und äußerer Differenzierung basieren.

Differenzierung ist das Zauberwort für inklusive Arbeit:

  • methodisch,
  • sozial (Partner-, Gruppen-, Einzelarbeit),
  • medial und
  • thematisch-intentional (Wahlunterricht, Sprinteraufgaben, Lernhilfen).

Insbesondere projektorientierte Arbeit und ein interdisziplinäres Vorgehen tragen dazu bei, dass Unterricht so viel wie möglich gemeinsam stattfindet und gleichzeitig den individuellen Bedürfnissen und Leistungsniveaus Rechnung getragen wird. Wir setzen dabei verstärkt auf Wochenplanarbeit, Freie Arbeit, kooperative Lernformen, Portfolioarbeit und erlebnispädagogische Gruppenbildungsprozesse.

Die äußere Differenzierung wird zunehmend eingesetzt da, wo das steigende Anspruchsniveau und eine unterschiedliche Fächerwahl es erfordern. Ab der Mittelstufe stehen den Förderschülern berufspraktische Angebote zur Verfügung, der Kontakt zur Berufswelt wird angelegt und die Einrichtungen der beruflichen Bildung werden im Einzelfall einbezogen.

Insbesondere das Angebot Stud.plus des Anne-Frank-Gymnasiums ermöglichte im laufenden Schuljahr 2015/16 im 2. Halbjahr eine gemeinsame Arbeit im Bereich Hauswirtschaft und Ernährung, die zu einer sehr erfolgreichen inklusiven Teamarbeit führte.

Eltern

Die Kooperation mit den Eltern findet grundsätzlich wie in den Parallel-klassen statt. Zusätzlich werden weitere Beratungstermine,  insbesondere für die Eltern der Förderschüler, angeboten. Die Elternschaft der Inklusionsklasse stand von Beginn an einheitlich hinter dem Konzept und unterstützte die Kinder und das Team auf allen Ebenen. Der Förderverein des AFG war zur Stelle bei der Anschaffung zusätzlicher Hilfsmittel, die ein Lernen mit allen Sinnen erleichtern wie beispielsweise eine Stellwand.

SchülerInnen

Die Aussagen der SchülerInnen in den Klassenkonferenzen der Inklusionsklasse zeigen deutlich, dass eine sehr professionelle Kommunikations- und Kooperationskultur entstanden ist. Im Kontext gemeinsamen Unterrichts in ausgewählten Fächern wie Sport, Religion, Französisch mit SchülerInnen der Parallelklassen ist der Umgang miteinander ebenso erfreulich wie selbstverständlich und erwünscht.

Insgesamt ist unsere Arbeit bestimmt durch

  • aussagekräftige Dokumentation der individuellen Lernentwicklung, Förderpläne, Textzeugnisse für die Förderschüler
  • offene Unterrichtsformen zur Entwicklung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung
  • eine vielfältige Materialausstattung
  • gute personelle Ausstattung (Doppelbesetzung im Unterricht, kleine Klasse mit vier Förderschülern und inzwischen 14 RegelschülerInnen)
  • Durchführung von Förderkonferenzen
  • Regelmäßig stattfindende Beratungsgespräche der beteiligten Lehrkräfte
  • Kontinuierliche Information der Eltern, Anregung zur häuslichen Unterstützung, bei Bedarf Förderunterricht
  • Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern und Netzwerken
  • Gute räumliche Voraussetzungen (Doppelraum pro Inklusionsklasse)
  • Gute mediale Ausstattung (PC-Arbeitsplatz, Beamer, Visualisierungsmöglichkeiten durch Stellwand)
  • Möglichkeit der Einzelförderung (individuelle Lernangebote, individueller Lernumfang)
  • zusätzliche Unterstützung durch Lernbegleitung/Integrationshilfe
  • Soziale Kompetenz

Inklusion in der Städteregion Aachen

Die Unterstützungsangebote durch die StädteRegion werden kontinuierlich genutzt zur Verbesserung inklusiver Settings.

Wir stehen am Beginn der Umsetzung der UN-Menschenrechtskonvention von 2006, die Menschen mit Behinderung die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen (Inklusion) garantiert. Diese UN-Konvention wurde 2009 in Deutschland ratifiziert. Mit dem 9. Schulrechtsänderungs-gesetz hat das Land den Auftrag der UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt und die ersten Schritte auf dem Weg zur inklusiven Bildung an allgemeinen Schulen in NRW gesetzlich verankert. Schülerinnen und Schüler mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung soll grundsätzlich immer ein Platz an einer allgemeinen Schule angeboten werden. Alle Gymnasien in NRW sind aufgerufen, sich intensiv mit den Fragen einer inklusiven Bildung sowie mit der Einrichtung integrativer Lerngruppen auseinanderzusetzen und an der Entwicklung eines inklusiven Schulprogramms zu arbeiten.

Der Einstieg in diesen Prozess ist uns mit Beendigung des ersten zieldifferenten Schuljahres bestens gelungen. Im laufenden Schuljahr 2015/2016 wurden mit neuen Fächern neue KollegInnen in der Klasse eingesetzt, die die gemeinsame Arbeit sehr positiv erweitern. Für die ReferendarInnen der Schule ist zudem ein Einblick in inklusive Arbeit gewährleistet, der in den jeweiligen Fachseminaren vertieft wird. Die gemeinsame Aufgabe ist geprägt durch ein hohes Engagement aller Beteiligten, Geduld und Flexibilität unter Einsatz aller vorhandenen personellen, räumlichen und sächlichen Mittel und kontinuierlicher Unterstützung durch Fortbildungen und die Arbeit mit dem Index für Inklusion.

Inklusion verstanden als Prozess und Reflexion der eigenen Position und Haltung eröffnet die Möglichkeit, “sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – und zwar von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter.” („Was ist Inklusion“, www.aktion-mensch.de) In diesem Sinne werden wir die Arbeit fortsetzen.

Inklusion von SchülerInnen mit Sinnesschädigung am Anne-Frank-Gymnasium

Zurzeit wird seit dem Schuljahr 2011/12 eine sehbehinderte Schülerin am AFG inklusiv beschult. Unser Gymnasium nimmt gemäß Schulgesetz schon immer Schülerinnen und Schüler mit Sinnesschädigung in Form von Einzelintegration auf, sofern es sich um eine zielgleiche Beschulung handelt. Liegt im Sinne des AO-SF aufgrund einer Sehschädigung, Hörschädigung oder körperlich-motorischen Einschränkung sonderpädagogischer Förderbedarf vor, werden die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Gemeinsamen Lernens (GL) regelmäßig von einer Förderlehrkraft betreut.

Die Förderung, Begleitung und Beratung von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf ist ein ganzheitliches und flexibles System, das sich dem Lern- und Entwicklungsprozess ständig neu anpassen muss. Im Sinne einer Lebensraumförderung ist die schulische Begleitung als ein Teilbereich dieser Aufgabe zu verstehen.

Schwerpunkte der sonderpädagogischen Förderung von sinnesge-schädigten Kindern und Jugendlichen wird im Folgenden exemplarisch am Förderbereich Sehschädigung dargestellt:

  • Diagnostik

Überprüfung von sehbehindertenspezifischen Teilbereichen, die von Augenärzten in der Regel nicht getestet werden, wie

Kontrastsehen,

Farbsehen,

Blendempfindlichkeit,

Sehstrategien,

Detailwahrnehmung.

  • Nachteilsausgleich

Beschreibung des individuellen Nachteilsausgleichs und die Umsetzung der daraus resultierenden Konsequenzen wie Beratung der Fachlehrer und pädagogischer Austausch, Adaptionen von Unterrichtsmaterial und Klassenarbeiten, Übernahme von Aufsichten

  • Hilfsmittelversorgung

Auswahl und Anschaffung geeigneter Hilfsmittel zur Bewältigung des Alltags und der sachgemäße Umgang mit diesen Hilfsmitteln

  • Freizeitgestaltung und Beruf

Die Förderbereiche Lebensplanung und Beruf werden durch Kursangebote der LVR-Johannes-Kepler-Schule, Aachen abgedeckt. Die Förderschule Sehen bietet für Kinder und Jugendliche mit Sehschädigung verschiedene Freizeitangebote wie Klettern, Museumsführungen oder Robotik an. In einem geschützten Rahmen mit anderen sehbehinderten Jugendlichen machen sie Erfahrungen mit Freizeitangeboten.

Der Themenbereich „Schule und Beruf“ in Form von Potenzialanalyse, Berufsfelderkundung, Praktika deckt das AFG in den Klassenstufen 8-10 regulär für alle SchülerInnen ab. Diese Module sind bewusst auf RegelschülerInnen ohne Handicap zugeschnitten.

Der Integrationsfachdienst (IfD) hat zur Aufgabe, Menschen mit Behinderung in den 1. Arbeitsmarkt zu vermitteln. Dazu werden die äquivalenten Module angeboten unter Berücksichtigung der individuellen Bedingungen. Es wird eine Fähigkeitsdiagnostik durchgeführt sowie Arbeitsplatzanforderungen und Fähigkeiten abgeglichen.

Die LVR-Johannes-Kepler-Schule bietet in Kooperation mit dem IfD u.a. die Kurse Potenzialanalyse und Bewerbungstraining an.

Im Schuljahr 2015/16 wurde zur Skifahrt der Klasse 9 eine Begleitski-lehrerin für Sehbehinderte engagiert, die diese Schülerin individuell nach ihren Bedarfen schulte. So konnte die Schülerin am Ende der Fahrt auf Zuruf kleine Abfahrten fahren.”
Im neuen Schuljahr 2015/2016 wurde ein neuer Schüler mit dem Förderschwerpunkt Körperlich-motorische Entwicklung in die Eingangsstufe aufgenommen, der zurzeit durch eine Schulbegleiterin unterstützt und zielgleich unterrichtet wird. So wird die Inklusion am AFG fortgesetzt. Im Rahmen einer ersten Veranstaltung mit MitarbeiterInnen der Viktor-Frankl-Schule in Aachen wurde eine weitere Möglichkeit zur Kooperation genutzt und den Schülerinnen und Schülern der Klasse 5c die Möglichkeit gegeben, sich intensiv mit dem Thema „Handicap“ auseinanderzusetzen.

Annette Runge und Renate Rummel

 

Landwirtschaftspraktikum –  ein Bericht

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